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Von der Kunst, Bach und Jazz zusammen zu bringen
David Timms Bachbearbeitungen für die LeipzigBigBandvon Andreas Kolb
Mit einem Organisten als Vater fühlte sich David Timm schon als Kind auf der Orgelempore zuhause. Bereits in jungen Jahren zog er die
Register oder blätterte um. Früh machte er Bekanntschaft mit einem reichen Orgelrepertoire. Als Mitglied und dann 1. Präfekt des Leipziger Thomanerchores sang er die meisten wichtigen Vokalwerke in mehreren
Stimmen mit. Nach pianistischen und kirchenmusikalischen Studien in Leipzig und Salzburg folgten bald erste Preise bei Wettbewerben, eine rege Konzerttätigkeit begann, die David Timm in diverse europäische Länder,
nach Japan und in die USA führte.
Heute ist Timm Universitätsdirektor, musikalischer Leiter des Leipziger Vokalensembles und unterrichtet an der Hochschule für Musik in
Leipzig Orgel und Improvisation. Doch der Organist und Pianist improvisiert nicht nur nach dem Regelkanon barocker Kirchenmusik, er widmet sich auch der improvisierten Musik des 20. Jahrhunderts, dem Jazz. Bereits
während seines Studiums spielte er gemeinsam mit Saxophonist Heiko Brockelt im Jazzduo „inner circle“, mit dem die beiden ein weiter entwickeltes Verständnis von Jazz zum Konzept machten. 1999 gründete er
gemeinsam mit einem weiteren Leipziger Saxophonisten, Frank Nowicky, die LeipzigBigBand, die sich inzwischen zu einem hochkarätigen Jazzensemble entwickelt hat, das nicht mehr aus der Leipziger Jazzszene wegzudenken
ist.
Angesichts dieser „roots“ nimmt es nicht Wunder, dass eine der großen musikalischen Vorlieben von Timm Bachbearbeitungen fürs
Jazzensemble sind. Auf der CD „LeipzigBigBand mit Allen Vizzutti“ hatte er mit dem Titel „d-Moll-Samba“ bereits einen Vorgeschmack auf diese Passion gegeben. Jetzt konnte er gemeinsam mit der
LeipzigBigBand und dem Mitteldeutschen Rundfunk seine Idee eines reinen Bach-Jazz-Programms verwirklichen. Wie im 18. Jahrhundert üblich „borgt“ sich Timm das Material um es im swingenden Sound des 21.
Jahrhunderts wieder lebendig werden zu lassen.
Das letzte Stück der Aufnahme, das populäre C-Dur Präludium aus dem Wohltemperierten Clavier Band I in einer
Ragtime-„Rausschmeißer“-Version, gestattet einen wunderbaren Einblick in die kompositorische Werkstatt von David Timm. „Vieles passiert beim Üben. Ich verlasse den Notentext und spiele weiter. Ich sehe
mich in erster Linie nicht als Komponist, sondern als jemand, der eine Improvisationsidee hat, die sich im besten Falle zu etwas Sinnvollem verdichtet. Dann wird sie notiert.“
„Spielarbeit” nennt David Timm seine Arbeitsweise beim Komponieren. Typisch für Timm: „Ich bin jemand bin, der unter Termindruck ein
Stück besser fertig bekommt, als wenn es länger liegt. Gestern nacht schrieb ich diese Mischung aus Ragtime und Charleston für die Leipzig Big Band. Vor einer Stunde haben wir es bereits aufgenommen.“
In den ersten Märztagen hatten David Timm und die LeipzigBigBand fünf Tage das MDR Studio am Augustusplatz „gebucht“. Timm
dirigierte und spielte Klavier. Das Programm – zwölf Bach-Adaptionen arrangiert und komponiert von Timm - ist unkonventionell. Drei Stücke sind mit der d-Moll-Toccata BWV 565 verbunden, einmal als Swing,
einmal als Samba und einmal als Groove. Aus dem Wohltemperierten Clavier spielt die Band einen Mix aus Motiven von Präludium und Fuge c-Moll, dann eine Bearbeitung zu dem Präludium E-Dur aus dem ersten Teil und zu
dem Präludium cis-Moll alle aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Claviers.
Bereits beim ersten Abhören der Bänder im Regieraum ging eine Bearbeitung der Motette „Komm, Jesu, komm“ den Anwesenden unter die
Haut, die die Leipzig Big Band zusammen mit dem Leipziger Vocalensemble einspielte.
Gelungen ist auch der Kontrast der verschiedenen „Stimmungen“, wenn in einem Augenblick noch die Big Band mit voller Wucht groovt
und dann wieder ein Präludium vom Pianisten verhalten und unprätentiös interpretiert wird.
Timm empfand es immer als Defizit, dass bei den unterschiedlichen Versuchen, Jazz und Bach zusammenzubringen, oft nur das betreffende
Stück des Thomaskantors in einem anderen Rhythmus, mit einer anderen Instrumental- oder Chorbesetzung durchgespielt wurde. „Warum macht man nicht einfach das, was viele Jazzmusiker auch getan haben: mit ihren
Mitteln über die Themen improvisieren. Das Improvisieren kann dabei auch auf Motiven, Formeln von Bach basieren. Wenn ich die Folge a-g-a der d-Moll-Toccata am Anfang eines Themas bringe, kann ich sie wunderbar auch
im Solo verwenden. Oder auch in den auskomponierten Bigbandteilen.”
Timms Arbeitsweise ist nicht nur beim Komponieren geprägt von Einfall und Spontaneität: Das Jazzarrangement „Komm Jesu komm“ war
ursprünglich für das Männerquintett Amarcord geschrieben. Inzwischen hatte er die Jazz-Mottete auch für das Leipziger Vocalensemble, das Timm in Nachfolge des Thomaskantors Georg Christoph Biller seit dreieinhalb
Jahren leitet, arrangiert. „Weil die sowieso geplanten Probentermine des Chores mit Aufnahmeterminen der Big Band gepasst haben, und weil die Bigband auch dieses Stück wollte“, nahm Timm das Vokalstück samt
Chor kurzerhand mit ins Aufnahmestudio. Auch wenn er damit Produzent und Aufnahmecrew vor unerwartete technische Probleme stellte: Das Ergebnis rechtfertigte die spontane Entscheidung.
Nach den beiden Vorläufer-Alben „Kontraste“ und „LeipzigBigBand mit Allen Vizzutti“ ist den Machern und Musikern der
LeipzigBigBand mit dieser dritten Einspielung (alle MDR) ein aufregendes Konzeptalbum über die Musik von J.S. Bach gelungen. Es gilt das Zitat des Jazzklarinettisten Michel Portal: „Jazz bietet mir die einzige
Möglichkeit, frei zu sein, zu schweben, zu träumen.“ Verändert man den Satz einfach in „Jazz und Bach bieten mir die einzige Möglichkeit, frei zu sein, zu schweben, zu träumen“– dann ist man
David Timm schon ganz nahe.
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